Die Tragik des süßen Nichtstuns – Teil 1

Samstagnachmittag, Mitte August und ich spüre italienisches Laissez-faire in einer kleinen Stadt nahe Genua mit jedem meiner Sinne. Es liegt ein Gefühl von gottgegebener Unendlichkeit in der Luft und es riecht nach Wunderblumen, Sommersprossen, verbranntem Mopedbenzin und flirrendem Meeressand….hier bin ich richtig, hier will ich nie wieder weg!

Ich bin ein Kind der Sonne und als ich so durch die Gassen Richtung Meer laufe, fällt mir auf, dass ich stets intuitiv dem Schatten ausweiche – wenn ich jetzt so drüber nachdenke, vielleicht eine meiner Lebenseinstellungen 🙂

La Dolce Vita ist überall – bei den 2 älteren Damen auf der Parkbank, neben sich ihre Tageseinkäufe, beim senffarbenen Hund schlafend unterm Oleanderbusch oder bei der Gruppe älterer Herren vor der Bar, die laut Karten spielen, bis auf einen, der hält gerade leise schnarchend ein kleines Nickerchen…

Ich fühle mich jetzt erst richtig angekommen, obwohl ich schon ein paar Tage hier bin, aber nun zeigt meine innere Uhr nichts mehr an, keine Tageszeit, kein Datum, nur goldgelb karamellisierte Tage, die aus Sonne und Müßiggang bestehen.

Mein Ziel ist der Strand, der Öffentliche unterhalb einer monumentalen Villa, ich verwende dieses Wort nicht oft, doch wenn ich an den dahinterliegenden Garten denke, trifft es die Beschreibung monströs wahrscheinlich sowieso noch besser – aber eben das wunderschöne monströs.

Ich gehe gern an diesen Strand, er ist nicht besonders groß, auch nicht besonders toll, nein nicht mal irgendwas Besonderes ist da, dennoch genau meins. Im Grunde mag ich ihn ja wegen dem geballten italienischen Alltag, gepaart mit faszinierender ursprünglicher Lebensfreude, neben der ich einfach mal unsichtbar werden kann – ein Gefühl, welches ich ab und an durchaus sehr zu schätzen weiß, wenn nicht gar liebe.

Auch heute an diesem Sommersonnennachmittag ist wieder eine Menge los, doch es geht ja nicht darum, hier die beste Liege mit ungetrübter Aussicht auf´s Meer zu bekommen, sondern ums Prinzip. Das Prinzip „Dolce Far Niente – Süßes Nichtstun“. Eines der speziellen Herzensgründe, warum ich Italien so liebe, denn egal, wo ein Italiener sein Strandtuch hinlegt, er ist glücklich, genau in diesem Moment dort zu sein! Und dieses Strandtuch kann eben auch auf einem Marktplatz, in einem Restaurant oder auf einer Autobahnraststätte liegen. Was sag ich denn, es ist herrlich!

Kleinkinder, Erwachsene und die es werden wollen in einem sonnenwarmen Trubel – sie tummeln sich wie Hummeln auf den Felsen, am Meeresufer, im Sand, im Wasser….manche allein, manche zusammen – doch niemand erscheint einsam, alle gemeinsam. Ich habe das Gefühl, irgendwie fügt sich das gerade alles zu einem stimmigen Aquarell von gelebter Strandidylle zusammen…

Genau neben mir liegen 3 italienische Schönheiten auf ihren bunten Strandtüchern. Ich überlege kurz, ob meine Ego als trotz aller Sonne blasse, sommersprossige, kurzgeratene Mitteleuropäerin über 40 einen nicht wiedergutzumachenden Knacks angesichts tiefdunkler Bräune, volllockiger Haarpracht und wohlgeformten Hüften bekommt. Naja, wie Sophia Loren oder so…aber ich entscheide mich flugs dagegen, bringt ja doch nichts, meiner Selbstoptimierung in jüngster Vergangenheit sei Dank…

Nun ja, die jüngste Eins ca. 15, die mittlere Zwei ca. 17 die ältere Drei ca. 33 Jahre alt – geschätzt natürlich, ich schätze nur noch, hab zu oft zu weit daneben getroffen. Familiäre Zusammenhänge sind mir natürlich auch nicht bekannt, daher vermute ich hier auch nur Konstellationen à la 3 Schwestern, Schwestern mit Cousine, Schwestern mit Mamma – es gibt der Möglichkeiten so viele!

In jedem Fall waren sie zusammen und wie mir auffiel, sehr beschäftigt. Mit sich, ich dachte sofort, guck wie schön sie doch miteinander schnattern. Das muss ein Thema sein, welches alle begeistert und wurde kurz neidisch…tja, und dann fiel mir die angestrengte Stirn der mittleren Zwei auf… unter dem beneidenswerten im sattesten Braun der Welt, vermutlich nicht mal gefärbten, voluminösen Haarzopf. Wenn die Falten auf der Stirn so bleiben sollten, oha, mein Ego jubelt immer noch 🙂

Jüngste Eins und ältere Drei blieben ziemlich ungerührt und insbesondere ältere Drei zuckte italienlike nur ab und zu mit den Schultern. Jüngste Eins hingegen cremte sich, halt ich untertreibe maßlos, sie salbte sich mit Sonnenöl ein…Mit einer solchen Inbrunst und Hingabe, dass es wirklich ein Fremdschämmoment werden könnte, sollte es dann doch länger dauern. Mittlere Zwei wurde sekündlich aufgeregter und stand nun mit den Händen in die Hüften gestemmt im Sand. Ältere Drei schaute bei den lauter werdenden Schimpftriaden nur kurz auf und drehte sich sofort wieder weg – tausendmal gesehen, tausendmal gehört oder nur Angst vor dem Kommenden, naja, es war nicht genau zuordenbar – ich kannte sie ja nicht.

Doch das Einölen wurde exzessiver, das Schimpfen lauter und so langsam ahnte ich, es ging um das Sonnenöl, um banales Sonnenöl, ich glaube es kaum. Alle Ungerechtigkeiten der Welt scheinen sich hier an diesem Nachmittag auf eine Flasche Sonnenöl zu vereinen. Es wurde hektischer, aufgeregter und das Unvermeidliche lag nun in der Luft – eine Prügelei unter Mädels, im Sand, am Meer unter der schönsten Sonne Italiens – eigentlich ja der Stoff, aus dem wunderbare Filmklassiker gemacht werden…Doch nicht an diesem Tag, an diesem Ort, zu dieser Zeit. Bitte reichen sie mir dennoch das Popcorn!

Ich wartete und mit mir noch viele andere voller ungeduldiger Spannung, angesichts einer wahrhaftigen Dramatik in Sprache, Gestik und Gestalt!

Und was geschah? Nichts! Um genau zu sein, fast nichts! Denn ältere Drei drehte sich zuerst auf die Seite und erhob sich sehr schwerfällig. Sie war diejenige der 3 italienischen Schönheiten, die mit etwas runderen Hüften und dem zugehörigen Bauch, dafür aber mit weniger stimmungsvollem Haar gesegnet war – halt bissl mehr bzw. weniger Sophia Loren, aber alles an den richtigen Stellen irgendwie vorhanden. Es lag ein gewisser Vergleich mit einem possierlichen Großtier nahe, doch diese Ausführungen würden jetzt wirklich zu weit gehen. Bei all dem sah sie aus, als hätte sie kiloweise Kirschen gegessen und aus einem unbekannten Grund nur noch die Kerne davon im Mund, sie malmte also. Eigentlich hat dann nur noch der Rauch aus ihren Nasenlöchern gefehlt, vielleicht eine kleine Flamme irgendwo und im Nachhinein betrachtet, hätte dramatische Hintergrundmusik auch dem Ganzen ganz gut getan!

Wie dem auch sei, sie stellte sich sehr sehr aufrecht und sehr sehr nah neben einölende jüngste Eins und schimpfende mittlere Zwei. Ich schwöre bei meiner Katze Paula, ein kalter Luftzug wehte über den Strand und es war still geworden im nachmittäglichen Paradies. Doch was nun aber kam, war eine Demonstration von Autorität, die, ich befürchte es sehr, jüngste Eins und mittlere Zwei einige zukünftige negative Kindheitsmuster zu verdanken haben werden. Einige der Zuschauer des Schauspiels schlugen vorsichtshalber schuldbewusst die Augen nieder…

Ältere Drei brachte sich also bedrohlich in Stellung, bückte sich und riss der einölenden jüngsten Eins das Sonnenöl aus der Hand, warf schimpfender mittlerer Zwei einen Blick aus der Hölle zu und marschierte zu ihrem Strandtuch, wo sie die Flasche in den unergründlichen Tiefen ihrer Tasche begrub. Mit einer unverhofften geschmeidigen Drehung richtete sie sich wieder auf, schaute jüngste Eins und mittlerer Zwei an, sagte knurrend Basta, machte einer typische italienische Handbewegung – energische Auf- und Abbewegung der aneinandergedrückten Fingerspitzen – und legte sich wieder hin…

Das alles dauerte nur Sekunden, doch es war immens beeindruckend und es herrschte eine hochachtungsvolle Stille. Überraschend war nicht nur die gazellenhaften Bewegungen von älterer Drei, nein, auch die mit ihrem Auftreten ausgelöste Reaktion danach war verblüffend. Dtatt weiterem Gezeter gab es eine Jüngste Eins und mittlere Zwei, die wie zu Stein erstarrt waren. Sie sagten rein gar nichts mehr – Jüngste Eins vergrub ihr Gesicht zwischen ihren Armen und es war von ihr nichts anderes mehr zu sehen als dieser natürlich auch beneidenswert voluminöse Haarzopf. Mittlere Zwei hingegen drehte sich ein-, zweimal hilflos im Kreis, schaute nach oben, nach unten, um sich dann ebenfalls ergeben in die Position von jüngster Eins zu begeben. Zu sehen waren schlussendlich nur noch zwei Haarzöpfe mit anhängenden tiefbraunen Bilderbuchkörper auf quietschbunten Strandtüchern. Und es ward eine Ruhe, nur ein Raunen ging durch die Menge und überall war innerer Applaus zu hören. Wow, ich sag mal, Darbietung gelungen – das will ich auch können!

Obwohl einige, die es mit angesehen haben, sehr erschrocken drein schauten. Vermutlich löste es Erinnerungen aus, die sicher nicht zu den erquicklichsten in dem jeweiligen Menschenleben gehören, dennoch da waren. Ich vermute auch, dass in der folgenden Nacht mit dem einen oder anderen Alptraum gekämpft wurde. Diese (Kindheits-/Jugend-/Erwachsenen-)Dämonen sind schon etwas verzwicktes, immer sind sie da, wenn es eigentlich am Schönsten sein könnte – Doch für unser wahres Lebensglück sollten diese ja definitiv verwunden oder zumindest verziehen werden. Es heißt nicht umsonst, dass dir das Leben immer wieder dieselbe Aufgabe in immer anderer Gestalt gibt, bis du dich ihr gestellt und sie für dich gelöst hast, wie auch immer das aussieht – fest steht nämlich auch, du weißt, wenn´s geschafft ist, vertrau mir…

Irgendwann später dachte ich, ältere Drei war wohl doch die Grande Mamma – das gelebte Autorität keine Frage des Hüftumfanges ist und das dir die schönste Haarpracht nichts nützt, wenn du das Sonnenöl trotzdem nicht kriegst 🙂

Die Aufregung im Paradies legte sich langsam wieder und alle gingen zu ihrem gewohnten Dolcefarniente zurück… es wurden wieder Burgen gekleckert, Bälle geworfen, Rätsel gerätselt, nach hübschen Ansichten gelunscht, mit der Sonne geflirtet, Sandkekse genascht und das, was man eben so macht, wenn man nicht gerade wegen einer Flasche Sonnenöl vor der halben Kleinstadtbevölkerung etwas subtil, aber wirksam gemaßregelt wurde… man genießt einfach den Strandtag!

So auch ich… Mit allem, was ich denke, fühle und jemals in meinem Leben vorhatte 💛

Ich badete, trank warme Limonata und ließ immer wieder meine Blicke schweifen… so eine kleine Eigenart von mir 🙂

Bis ich sie erblicke, Giulia, das schönste Mädchen der Stadt und des heutigen Nachmittags sowieso…

Fortsetzung folgt🙋‍♀️

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